Zum 101. Bibliothekartag treffen sich derzeit 4.500 Bibliothekare und Archivare in Hamburg, um zum Thema „Tore zur Welt des Wissens“ über Imagefragen, Mittelkürzungen und insbesondere die Herausforderungen in unserer neuen Informationsgesellschaft zu sprechen. Kirsten Marschall, Vorsitzende des Bibliotheksverbandes und Sprecherin der öffentlichen Bibliotheken in Deutschland, nahm im Gespräch mit Deutschlandradio Kultur zu diesen Themen Stellung.
Printmedien noch lange nicht ‘out’
Erfreulich ist vor allem, dass trotz aller modernen Entwicklungen im Zeitalter von Smartphone und Internet die Nutzerzahlen deutscher Bibliotheken unangetastet geblieben sind. Nach wie vor nutzen 30 Prozent aller Deutschen öffentliche Bibliotheken. Mit diesen Zahlen liegt Deutschland jedoch im Ländervergleich mit Nordeuropa, wo rund 70 Prozent aller Menschen regelmäßig öffentliche Bibliotheken besuchen, leider im unteren Drittel. Der Grund hierfür kann laut Marschall allerdings nicht in der Anpassung Deutschlands an die modernen Gegebenheiten gesucht werden. Die deutschen Bibliotheken hinken dem digitalen Zeitalter nicht hinterher, das heißt, sie arbeiten längst mit E-Books, verfügen über mobile Katalog-Funktionen für Smartphones, bieten Datenbanken und E-Learning-Portale an, die Zugriff rund um die Uhr gewährleisten. Ebenso haben sich auch Bibliothekare und Archivare den heutigen Bedürfnissen angepasst. Niemand, der in diesem Beruf arbeitet, ist mehr der sprichwörtliche Bücherwurm und Einsiedler, sondern professioneller Wegweiser und Experte für alle neuen Medien, die ihren Platz in den öffentlichen Bibliotheken gefunden haben.
Bibliotheken mehr in den Alltag einbinden
Die Gründe für die niedrigen Nutzerzahlen seien vielmehr im deutschen Kultur- und Bildungsprogramm sowie dem damit einhergehenden Image-Problem öffentlicher Bibliotheken zu suchen. In Deutschland fehle es an einer Einbindung der Bibliotheken in die elementare Bildungslandschaft, wie zum Beispiel in den Schulalltag, ins Gemeindeleben etc. wie es zum Beispiel in den skandinavischen Ländern der Fall ist. Das Kulturangebot Deutschlands konzentriere sich eher auf andere kulturelle Bereiche und selbst dort finde wenigstens eine indirekte Einbindung nicht statt. In der medialen Öffentlichkeit, das heißt, in Kultursendungen, Fernsehfilmen, Dokumentationen, spielen Bibliotheken keine Rolle, sodass ein Imagewandel weg vom Bild der staubigen, engen Räume nur mühsam zu transportieren ist.
Die „Tore zur Welt des Wissens“ sind also geöffnet und jederzeit über Smartphone, Android und BlackBerry zu betreten – der Nutzer muss nur wieder dafür begeistert werden.
